Rezension | Sarah Crossan „Wer ist Edward Moon?“

Übersetzt von: Cordula Setsmann | 357 Seiten | Einzelband | „Moonrise“ (Original) | 09.10.2019 | mixtvision Verlag| 17,00€ | Hier kaufen
 
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Inhalt

Joe hat seinen Bruder seit zehn Jahren nicht gesehen, und das aus dem schlimmsten aller Gründe. Ed sitzt in der Todeszelle.
Aber jetzt wurde Eds Hinrichtungsdatum festgelegt und Joe ist wild entschlossen, diese letzten Wochen mit seinem Bruder zu verbringen, egal, was andere Leute denken …

Geschrieben von Carnegie-Medal-Gewinnerin Sarah Crossan, wirft dieser ergreifende, aufwühlende, großherzige Roman wichtige Fragen auf: Welchen Wert misst man dem Leben bei? Was kann man vergeben? Und wie verabschiedet man sich?
 

Erster Satz

Das grüne Telefon
an der Wand im Flur
klingelte fast nie.

 

Meine Meinung

Sarah Crossan gehört seit langem zu meinen Lieblingsautoren und da konnte ich es mir natürlich nicht nehmen lassen, auch ihren neuen Roman wieder zu verschlingen. Sie hat mich bisher immer mit ihrem wunderschönen Schreibstil und den melancholisch/traurigen Welten überzeugen können.

Es geht um Joe, einen Jungen im Teenageralter, der sich auf den Weg nach Texas begibt, um seinen Bruder zu treffen. Seinen Bruder, der seit 10 Jahren in der Todeszelle sitzt und nun das Datum für seine Hinrichtung erfahren hat. Joe möchte die letzten Monate mit Ed verbringen, nicht zuletzt, um die Wahrheit hinter Eds Verhaftung zu erfahren.

Joes und Eds Familie war schon vor der Verhaftung nicht perfekt, doch nach dem Tag vor 10 Jahren scheint sie komplett zersplittert zu sein. Obwohl auch ihre Kindheit nicht leicht war, hat der knapp 10 Jahre ältere Ed immer dafür gesorgt, dass es seinem kleinen Bruder an nichts fehlt und er immer glücklich sein kann – zumindest bis er in Texas in die Todeszelle gesteckt wird. In Texas angekommen, trifft Joe auf verschiedene, interessante Charaktere, die ihm die Zeit dort etwas leichter machen.

Sämtliche, auftauchende Charaktere waren schrecklich spannend.
Angefangen bei Joe und Ed natürlich. Die Brüder, die sich seit 10 Jahren nicht gesehen haben. Der Freigeist, der nun eingesperrt ist und der unsichere Junge, der kaum weiß, was er glauben soll, aber nun komplett auf sich alleine gestellt die wohl schwerste Reise seines Lebens antritt. Die Jungs, die einst beste Freunde waren und sich heute kaum noch kennen.
Aber auch die Nebencharaktere waren nicht ohne, jeder mit seiner eigenen Geschichte, mit seiner eigenen Last, die er zu tragen hat. Obwohl Sarah Crossan es hier beim wesentlichen belässt und keine zusätzlichen Geschichten spinnt, haben alle Charaktere mich berühren können.

Geschrieben wurde aus Joes Perspektive, in der wahnsinnig schönen Vers-Form, die man schon aus „Eins“ von Sarah Crossan kennt. Zudem gibt es Wechsel zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit, Joes Kindheit, in der die Beziehung zwischen ihm und Ed deutlicher wird. Denn dort lernen wir immer mehr das ehemalige Familien-Leben der Moons kennen, das wie gesagt, alles andere als rosig war, während die Geschwister immer an sich festhalten konnten. Dass ich den Schreibstil von der Autorin, in der besonderen Vers-Form, sehr liebe, muss ich wohl kaum noch anmerken. Besonders schön fand ich aber auch die Kapitel-Überschriften, was ich selten in Büchern sehe.

Die Handlung war spannend und berührend, aber gleichzeitig auch sehr ruhig. Es hat mich von Anfang an fesseln können und ich wollte es kaum aus der Hand legen.
Wir lernen das Leben in der Todeszelle ein wenig kennen, obwohl wir auch nicht allzu viel davon erfahren. Gleichzeitig wird das Rechtssystem in Amerika leicht angeschnitten, was natürlich eine sehr zentrale Rolle für Eds Leben spielt. Gleichzeitig sehen wir auch hinter die Kulissen von Anwälten und Gefängnis-Leitern. Aber auch Geldsorgen, Drogenprobleme, Familie, Verabschiedungen, Freiheit und Angst stehen ganz weit im Vordergrund.

Aber die wohl am heftigsten bei mir angekommene Emotion ist die der Hoffnung. Mir wurde solch große Hoffnungen gemacht, die immer wieder zerstört machen, was vermutlich das ist, was Ed die letzten 10 Jahre über gefühlt haben muss. Ich kann und möchte mir nicht vorstellen, wie es ist, in einer Todeszelle auf seinen Tod zu warten, doch Sarah Crossan hat mich nah daran bringen können.

Besonders in meinem Kopf schwebte allerdings die ganze Zeit die Frage nach der Schuld. Was war eigentlich geschehen, wie wurde Ed verhaftet, wurde er schuldig in den Todestrakt gebracht oder hatte er vielleicht gar nichts mit der Sache zutun? Und wer ist Edward Moon eigentlich?
 

Fazit

Es ist ein wahnsinnig hoffnungsvolles Buch, das mir mit jeder Seite ein Stückchen dieses Optimismus genommen hat. Es hat mich berührt, gefesselt und sprachlos zurückgelassen. Geschrieben in einer wahnsinnig ergreifenden Vers-Form hat Sarah Crossan mich erneut begeistern können.

Ein großes Dankeschön an den mixtvision Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!